Assyrischer Lobbyist über die Situation der Assyrer im Irak
und den letzten irakischen Provinzwahlen
22. Februar 2009
Ein halbes Jahr nach dem ersten Vortrag von Ninos Warda über die Arbeit des Assyrian
Council of Europe (ACE), durfte der assyrische Mesopotamien Verein Augsburg Afram Yacoub,
den neuen Lobbyisten des ACE in Brüssel, zu einem erneuten Vortrag in den Vereinsräumen begrüßen.
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Aslan Yildiz bei der
Vorstellung von Afram Yacoub zu Beginn des Vortrages © bethnahrin.de
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Afram Yacoub ist ein assyrischer Journalist aus Schweden, der unter anderem auch lange Zeit am
assyrisch-schwedischen Radiosender „Radio Qolo“ mitwirkte.
In seinem Vortrag ging Yacoub speziell auf die letzten Provinzwahlen im Irak ein und erinnerte
daran, dass die Assyrer bei den letzten Provinzwahlen im Jahr 2005 sehr stark benachteiligt worden
waren. Daher ging der Assyrer zusammen mit einer Delegation der Unrepresented Nations and Peoples
Organisation (UNPO) Ende Januar in den Irak, um die Wahlvorgänge dort zu beobachten.
Ein weiteres Thema seiner Ausführungen war der umstrittene Sieg der Ishtar-Liste in
den irakischen Provinzwahlen. Afram Yacoub berichtete von Gesprächen mit Assyrern vor Ort,
die angedeutet haben, dazu gezwungen zu worden sein ihre Stimmen für die Ishtar-Liste abzugeben.
Man drohte ihnen mit Kündigungen ihrer Arbeitsverhältnisse und Wohnungen. Außerdem sollen die
Wähler Geldgeschenke in Höhe von 100.000,- irakischen Dinar vor den Wahlen erhalten haben.
Auf weitere Fragen von Yacoub wollten die Assyrer in den besagten Regionen nicht antworteten und sagten
„Es gibt einiges, das wir dir nicht sagen können. Wir haben Kinder!“.
So berichtete er auch von einem Assyrer, der ein Wahlplakat der Assyrischen Demokratischen Bewegung
(Zowaa) aufhängen wollte und vom Sicherheitsdienst der Ishtar-Liste verprügelt worden war.
(Mehr dazu hier...)
Im Irak seien die Assyrer unter zwei verschiedenen Wahllisten angetreten. Die
zwei größten Parteien unseres Volkes im Irak sind die Assyrische Demokratische Bewegung (Zowaa)
und die Ishtar-Liste, die sich unter anderem aus dem Volksrat der Chaldäer-Suryoye-Assyrer zusammensetzt.
Die Spaltung in zwei Listen sei nicht die Schuld der Assyrer. Yacoub stellte deutlich klar, dass der
negative Einfluss von außen auf unser Volk ausgeübt wird.
Auch hinter dem gegenwärtigen Verbleib des Assyrers Sarkis Aghacan (Finanzminister der kurdischen Region)
steht ein großes Fragezeichen. Die Assyrer im Irak rätseln über sein Schicksal. Yacoub erläuterte hierzu,
dass es zahlreiche Theorien über seine Person und Verschwinden gäbe. So sind einige der Annahme, dass er
momentan in der Türkei operiert wird, andere hingegen behaupten, dass er von Kurden ermordet worden ist.
Eine weitere Vermutung führt dahin, dass er zurzeit für begangene Finanzfehler unter Hausarrest stünde.
Welche dieser Möglichkeiten in der Realität zutrifft, kann nicht nachgegangen werden. Doch Tatsache ist,
dass die letzte Dokumentenunterschrift von Sarkis Aghacan auf den 20. Oktober 2008 zurückgeht und seitdem
kein Lebenszeichen von ihm in der Öffentlichkeit vernommen worden ist.
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Der Assyrische Lobbyist
Afram Yacoub zeigt den Anwesenden die Ninive-Ebene
anhand einer Landkarte © bethnahrin.de
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Ferner ging Yacoub auch auf die Niniveh-Ebene ein. Der Lobbyist aus Brüssel sagte zu diesem Thema,
dass die Yeziden und Assyrer dort die überwiegende Mehrheit darstellen. Folglich sei dies zugleich
die einzige Region im Nahen Osten, die nicht von überwiegend muslimischen Bürgern bewohnt wird.
Mit dem yezidischen Volk hatten die Assyrer in der Geschichte keine Probleme, so Afram Yacoub während
seines Vortrags.
Auf die Frage, welche Unterschiede er zwischen einer Autonomie, administrativen Selbstverwaltungszone
und Schutzzone sähe, antwortete der assyrische Lobbyist mit folgenden Worten: „Wir [ACE] werden
oftmals falsch verstanden. Wir wollen genauso eine Autonomie für die Assyrer, allerdings halten wir
es nicht für die richtige Lösung des Problems der Assyrer im Irak. In der irakischen Verfassung ist
heute das Wort „Autonomie“ nicht enthalten. Weder die Schiiten, Sunniten, Kurden noch die Turkmenen
haben eine Autonomie. Es gibt nur Regionen, Provinzen und administrative Regionen.“ Außerdem machte
Yacoub deutlich, dass den Assyrern gemäß der irakischen Verfassung ein Recht auf eine administrative
Region zustehe.
Schließlich führte der Vertreter des ACE an, dass Lobbyarbeit eine langfristige Aufgabe darstelle,
welche längere Zeit bedarf, um nachhaltig Früchte zu tragen. Daher bat Yacoub die Anwesenden, nicht
direkt große Erfolge zu erwarten, sondern die Arbeit in Brüssel konsequent zu verfolgen. So
haben Mitglieder des Iraqi Sustainable Democracy Project (ISDP), einer Lobbyorganisation der
Assyrer in den USA, im Gespräch mit dem ACE bestätigt, dass es mindestens zwei Jahre dauern würde
bis man von Parlamentariern die nötige Aufmerksamkeit erhalte, um in politischen Kreisen Fuß zu fassen.
Hierbei verdeutlichte Yacoub dies am Beispiel der jüdischen iPAQ-Lobbyorganisation. Diese wurde vor 50 Jahren
von einer Person gegründet und zählt heute weit mehr als 100.000 Mitglieder. Zu ihren Kongressen erscheinen
um die 10.000 Menschen. Politische Persönlichkeiten, wie der amtierende US-Präsident Barack Obama und die
derzeitige US-Außenministerin Hillary Clinton bekunden ihre Solidarität mit der Organisation und folglich
dem jüdischen Volk, welches die Einflusssphäre der iPAQ illustriert.
Der assyrische Mesopotamien Verein Augsburg bedankt sich bei Afram Yacoub für den interessanten Vortrag
und wünscht dem Assyrian Council of Europe (ACE) weiterhin viel Erfolg und gutes Gelingen bei seiner Arbeit.